Unser täglich Spam gib uns heute…
Seit einigen Tagen habe ich, welch ein Wunder in heutiger Zeit, mit Spams in Blog-Kommentaren zu tun. An sich eine (leider) typische und zu erwartende Tatsache. Nicht, dass dies ein Indikator dafür wäre, dass mein Blog bekannt ist und die Anzahl der Spams damit zu tun hat. Damit hat es bestimmt nicht zu tun und es ist eine Seltenheit heutzutage geworden, trotz Internet (oder vielleicht gerade deswegen?), dass wir überhaupt wahr genommen werden. Wir sind anonym! Nicht anonym im Sinne des unbekannt-seins, sondern eher als unerkannt-sein, ungelesen-sein und letztendlich nicht-wahr-genommen werden. Also eher passiv anonymisiert, denn durch eine aktive Tat, wie z.B. durch falsche Informationsangaben, Avatare und diffuse Worte.
Das Internet macht die Verknüpfung von Informationen leichter, die zwischen den Menschen nicht unbedingt.
Egal, Schwamm drüber, denn auch heutzutage ist es keine Schande zu heiraten oder zumindest einen (Lebensabschnitts)partner zu haben. Dafür braucht man ja auch kein Internet, nicht einmal ein Handy.
Jedoch, wer braucht Spam, frage ich mich?
Umsonst werden diese lästigen Bytes nicht verschickt, denn es ist mittlerweile in vielen Ländern eine Straftat, Spams zu versenden. Und dennoch werden sie so oft in den digitalen Äther abgesandt, dass mittlerweile über 90% der E-Mails Spam sind.
Qui bono?
Wem nützt es, wenn solche “Nachrichten” unsere Mailboxen mit unerwünschten Lipiden vollpumpen und dadurch die (nie da gewesene) “heile Welt des Internets” immer ähnlicher der Welt wird, in der wir uns immer noch befinden, auch wenn manche von uns sogar in Internet-Cafes schlafen (in Japan gibt es solche Kreaturen z.B.).
Selbst wenn ich zwanzig Spams in der Mailbox vorfinde, werden sie schon auf Grund der irrationalen Betreff-Zeilen gelöscht. Oder gibt es jemanden, den ein solcher E-Mail-Betreff zum Weiterlesen animiert:
“Improve your XXX”, “Make her happy with your new dick”, “Pump it up, baby! Viagra makes it possible!”
Also, gehe ich einfach davon aus, dass auch bei uns Menschen die Evolution (immer noch) voranschreitet und nur die wenigsten unter den intelligenten, nackten Zweibeinern solche “Nachrichten” gänzlich durchlesen würden.
Wem nützt es also, um die Frage zu vervollständigen, wenn sie in den Mailboxen landen, auch wenn die meisten von ihnen nicht gelesen werden?
Mail-Spammer werden nach Menge abgesandten Spams bezahlt, soviel steht fest, denn die Drahtzieher sind irgendwelche Internet-Casinos, obskuren Anabolika-Drogerien, Briefkastenfirmen, Sex-Shops, dubiose Finanzhaie etc.
Irgendwie macht es keinen Sinn, denn ich kann mich wirklich nicht (mehr) beklagen, dass ich ein Spam-Problem habe. Beziehungsweise, muss ich mich fragen, ob die Schmerzschwelle etwas höher bei uns geworden ist, da wir die täglichen 20 Spams nicht mehr als störend empfinden?
Verstumpfen wir, angesichts des eigentlich verlorenen Kampfes gegen Spammer? Über 90% aller Mails sind Spam, also ist das Spiel (der Kampf?, der Krieg?) verloren.
Gab es überhaupt einen Kampf gegen Spam?
Nicht einmal die grundlegendsten Sicherheitsfunktionalitäten hatte das ursprüngliche (und immer noch vorhandene) Internet und mit dem IPv6 wird es noch mindestens ein-zwei Jahrzehnte dauern, also warum sich wegen Spam Fragen stellen?
Nicht einmal die Grundlagen des TCP/IP-Protokollstacks wurden mit entsprechenden Sicherheitsfeatures ausgestattet, also warum sollten sich die höheren Schichten des Stacks in Sachen Sicherheit grundlegend in deren Bauweise unterscheiden.
Wenn es möglich ist ein “ping of death” auszuführen, d.h. eine auf tiefen Schichten des TCP/IP-Protokolls basierenden Schaden zu provozieren, warum sollte es da nicht möglich sein, unaufgefordert, millionenfach auf ein kleines Subnetz mit Spams zuzuschlagen.
Ich denke, mit dem Internet ist es wie mit den meisten Erfindungen der Menschheit. Zuerst wird sie nicht beachtet und die Entwickler werden als Spinner abgetan (was im Falle des Internets nicht auftrat, aber meistens passiert). Und irgendwann mal “entdeckt” man, dass die Erfindung auch “etwas anderes” möglich machen kann (z.B. WWW, SMTP etc.) und stürtzt sich auf die Realisierung. Mit der Zeit wird aus der ursprünglichen Idee eine Neukombination verschiedener “Module” und das Ursprungskonzept mutiert zu einem hippen, neumodischen Kunststück, welches alle “unbedingt haben wollen”, ja haben müssen.
So entstehen kritische Nutzermassen, d.h. irgendwann mal wird der Zeitpunkt erreicht, wo jede(r) es haben muss. Wo man einfach ohne nicht mehr kann.
Jedoch sind kritische Nutzermassen nur in ihrer Anzahl kritisch, nicht in ihrem Urteilsvermögen. Und so endet man ja schließlich: in der Masse kann einem nur ein Teller zum Auslöffeln vorgesetzt werden, Menükarten gibt’s nicht.
Friss oder stirb!
Ertrage Spam, oder kein SMTP für dich, ertrage Browser-Hijacking oder kein WWW für dich, ertrage DDoS-Attacken oder kein Internet im Allgemeinen für dich.
Und genau das bildet den idealen Nährboden für die verschiedensten Kreaturen, die sich der mittlerweile zahlreich vorhandenen Masse und deren Unwissenheit bedienen, um ihre mehr oder minder freundlichen Absichten in die Tat umzusetzen.
Es lebe der freie Informationsaustausch, denn auch Spams sind Informationen.
Aber kein Wissen. Und genau das macht, bzw. sollte den Unterschied ausmachen.
Den Unterschied zwischen einer reinen Informations- und einer Wissensgesellschaft.
In welcher Gesellschaft wollen wir denn leben?



